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Plötzlich diese Zeit

"Zu mir kommt die Welt", sagt der Baum... Ist es denn so? Und was hat das Decamerone damit zu tun?

Ein Beitrag von Ulrich vom Waldberg

Geschichtenerzähler

anlässlich der Corona-Krise

 

Damals, ja damals...

Es ist alles irgendwie komisch, man steht auf, erwartet durch viele Jahre trainiert und geübt einen Tag voller Erlebnisse, Arbeit, Zusammenkünfte...klar, selbstverständlich…in die Stadt, Einkaufen...die Kirchenglocke zumindest läutet wie immer sonntags zehn Minuten vor neun Uhr... Kommt, kommt, kommt, ihr Christen zum Gottesdienst... Findet der statt, ist meine Frage... Wie viele werden denn kommen... Die Angst geht um, vielleicht auch die Mahnung der Politiker und Gesundheitsweisen... Bleib bleib bleib...

 

Ich erinnere mich an die Geschichte vom Baum, der bleibt, und dem Landstreicher, der immer unterwegs ist... Zu mir kommt die Welt sagt der Baum... Ist es denn so?

Ich bleibe… ja aber zur Corona-Zeit kommt keiner. Vielleicht zwei Freunde, die erst vor ein paar

Tagen in Tirol waren... „Uns geht es gut“, sagen sie... Die Inkubation kann zwei Wochen dauern, traue ich mich zerknirscht zu antworten... aha... sie sind enttäuscht...

 

Werd' ich es aushalten, wenn es mich erwischt? Ich schaue in den Spiegel, hast Dich zuletzt wenig um Dich gekümmert... sage ich zu meinem Spiegelbild. Was ist mit Deiner Kondition, auf die Du immer so stolz warst, was macht Dein Immunsystem, kann es Stand halten?? Ach, es ist doch alles nicht so schlimm, wie die immer so tun... Mach' ich mir etwas vor??

 

Wir haben so viele Jahre in jedweder Freiheit gelebt und jetzt sollen wir einen Teil dieser Freiheit aufgeben??

Aber ich kenne das Gefühl, das Gefühl Du kannst Dich nicht bewegen, bist arretiert…

Damals, ja damals war es ein Spaß, ich studierte an der Uni Regensburg die juris prudentia, probierte mich aus und dann, ich denke es war 1973, da zwang die Ölkrise die Bundesregierung dazu, den Deutschen vier autofreie Sonntage zu verordnen. Sprit war knapp und teuer geworden. Die meisten Bürger nahmen die Anordnung gelassen hin, Bundeskanzler Willy Brandt ließ seinen Dienstwagen in der Garage.

Wir saßen fest, für einen Tag, spazieren gehen auf der Autobahn.. eher ein Erlebnis.. aber eben ein Tag!!

 

Oder die wunderbare Geschichte, wie das Decamerone des Boccaccio entstand...

Die Rahmenhandlung verlegte Boccaccio in ein Landhaus in den Hügeln von Florenz (im Vorort Fiesole), drei Kilometer vom damaligen Stadtkern von Florenz entfernt. In dieses Landhaus sind sieben Frauen und drei junge Männer vor der Pest (Schwarzer Tod) geflüchtet, die im Frühjahr und Sommer des Jahres 1348 Florenz heimsuchte. Im Landhaus versuchen sich die Flüchtlinge gegenseitig zu unterhalten. Daher wird jeden Tag eine Königin oder ein König bestimmt, welcher einen Themenkreis vorgibt. Zu diesem Themenkreis hat sich nun jeder der Anwesenden eine Geschichte auszudenken und zum Besten zu geben. Nach zehn Tagen und zehn mal zehn Novellen kehrt die Gruppe wieder nach Florenz zurück. Zehn Menschen auf der Flucht vor einer ansteckenden Krankheit... Das ähnelt schon eher…

 

Geschichten erzählen hat Menschen immer schon beruhigt, ihnen Hoffnung gegeben, selbst im Luftschutzkeller... so wie die Hoffnung, die der traurigen Traurigkeit den Weg weist… eine anrührende, schöne Geschichte…

An diese zwei so unterschiedlichen Ereignisse fühle ich mich erinnert... Soll man sich nun in die Eremitage begeben... ist Deutschland eine Quarantäne-Station?? Welche Ängste haben wir?? Meine Tochter meint: „Ist doch nur ein läppisches Grippevirus.“

Das beruhigt mich nicht wirklich... aber mehr als der Umgang mit meinen ganz eigenen persönlichen Befürchtungen, richte ich den Blick nach vorne.

 

Was kann ich lernen, was werden die Menschen auf der Welt lernen...können…müssen??

Ja ja, hatten meine Lehrer in der Schule immer wieder gesagt, die Natur die lehrt uns dies und lehrt uns das... an einem guten, persönlich erlebten Beispiel hatte es mir immer gefehlt...

 

Danke Natur... jetzt hab' ich es verstanden...

Und Du???

 

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