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Black lives matter oder "Gib mir mal die Hautfarbe*!"

*den Malstift

Wie können wir Erzähler*innen zu einem wertschätzenden zwischenmenschlichen Umgang auf Augenhöhe beitragen ohne zu moralisieren?

Ein Beitrag von Simone Oruche-Brand

Eigentlich ist es ganz einfach, indem wir alle Menschen in ihrer Diversität und Individualität so, wie sie real in unserer Gesellschaft auch tatsächlich leben, darstellen, ohne die Menschen, die nicht den etablierten Klischees entsprechen, auszublenden und damit unsichtbar machen. Oder kurz: Die gelebte Normalität sichtbar machen.

Und zwar unabhängig davon, welche „Couleur“ unser Publikum hat. Vielfalt sichtbar zu machen ist gerade bei rein „weißer“ Zuhörerschaft immens wichtig. Warum?

 

Wie schon der in Kitas alltägliche Satz „Gib' mir mal die Hautfarbe!“ zeigt, ist ein gleichberechtigter zwischenmenschlicher Umgang doch nicht so einfach. Normen (z.B.hellbeige-rosa Haut), Klischees und Wertungen haben sich tief in unserer Gesellschaft, im Alltag und somit auch in uns selbst eingegraben.

 

Geschichte

Und das hat eine längere Tradition als den Meisten bewusst ist.

 

Große, deutsche, immer noch hoch angesehene, „weiße“, männliche Philosophen wie z.B. Immanuel Kant (1724-1804) und Georg W. F. Hegel (1770-1831) waren auch ausgeprägte Rassisten, die maßgeblich dazu beitrugen, das Bild des „weißen“ Mannes als Krone der Schöpfung als Standard zu etablieren.

Dazu wurden den verschiedenen Bevölkerungen der Erde unterschiedliche Farben (weiß, gelb, rot, braun, schwarz) und Merkmale tabellarisch zugeordnet. Die Einteilung diente als offizielle Legitimation eines hierarchischen Machtgefälles.

 

Zitat Kant: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die..." N-Wort "sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften.“

 

Dieses rassistische System wurde in Geschichten, Liedern, „wissenschaftlichen“ Aufsätzen usw. von Generation zu Generation weiter gegeben und verfestigt. Ohne ein solches tief verankertes gedankliches Fundament als Legitimation für Ausbeutung, willkürliche Tötung und Sklaverei wären Kolonisation, Menschenzoos, der Aufstieg Adolf Hitlers, die NSU-Morde, der Tod Georg Floyds, das krass rassistische Werbevideo von Volkswagen usw. ohne schlechtem Gewissen nicht möglich geworden.

 

Auch die vielen heutigen, in Deutschland alltäglichen, selbstverständlichen Ausgrenzungen und Herabsetzungen von Menschen, die zu den BIPoCs zählen (Black, Indigenous and People/Person of Colour, also „Nichtweißen“) lassen sich darauf zurück führen.

 

Wie zeigt sich Rassismus konkret?

Zu Rassismus gehören neben krassen Gewaltübergriffen auch Mikroaggressionen, die in der Summe wirken.

Dazu zählen z.B. wiederkehrende, grenzüberschreitende Fragen an Kinder: „Wo kommst Du her?“ - „Aus München“ - „Wo kommst Du wirklich her? Erzähl' doch mal von Deiner wirklichen Heimat?“ Als ob Kinder, die hier in den Kindergarten/Schule etc. gehen, nicht wirklich hier zuhause wären, als ob sie nicht dazu gehören würden, obwohl sie doch da sind und hier leben. Als ob ein entferntes Land, das sie womöglich noch nie gesehen haben, noch dessen Sprache sie evtl. sprechen, ihre „wirkliche“ Heimat wäre. Oder besonders misstrauisches Beobachten, als wenn alle „nichtweißen“ Jugendliche potentielle Diebe wären. Als ob es nicht fürsorgliche muslimische Väter gäbe und hochgebildete „nichtweiße“ Frauen. Oder Rassismus im Sprachgebrauch: „Bin ich etwa Dein N*?!“ „Das ist getürkt!“...Beispiele dieser Art ließen sich noch endlos fortsetzen.

 

In vielen Filmen ist es die Norm, dass die Verbrecher männlich und „schwarz“, die Helden männlich und „weiß“ und die Opfer weiblich und unglaublich sexy sind. Da werden Rassismus und Sexismus kombiniert dafür genutzt, dass sich die „weiße“ männliche Norm gut fühlt.

Das leider immer noch verbreitete Spiel: „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ tut sein Übriges. Es wäre ein Leichtes den Spruch in „Wer hat Angst vorm weißen Hai?“ Oder „Wer hat Angst vorm Dinosaurier?“ umzuwandeln. Oft sind nur ein bisschen Reflektiertheit und guter Wille nötig!

 

Sowohl das völlige Ausblenden und Unsichtbar-Machen „nichtweißer“ Menschen auf der einen Seite als auch das einseitige, auf Klischees reduzierende Darstellen andererseits in Medien, Internet, (Schul-) Büchern, Filmen, Geschichten usw. haben eine Wirkung und betonieren ein Bild der Nicht-Zugehörigkeit und Andersartigkeit.

 

Schlagt einmal ein x-beliebiges „Käseblättchen“ oder eine Zeitung auf. Zählt die Personen, die auf den Fotos abgebildet sind. Wie viele „Weiße“, wie viele „Nichtweiße“ werden in welcher Rolle / welchem Zusammenhang dargestellt? Wie viele Männer, wie viele Frauen werden abgebildet? Spiegeln die Fotos die prozentuale Verteilung in der Bevölkerung?

Leider eine rhetorische Frage - nein, natürlich(?) nicht!

 

Und das hat fatale Folgen für alle!

Bei „weißen“ Menschen wird die Angst vor „Nichtweißen“ geschürt und auch in ihrem Bewusstsein und Unterbewusstsein wird weiterhin eine Norm gefestigt, die nicht der Normalität der meisten Städte und Gemeinden entspricht. Denn ein friedliches, normales Leben und Miteinander gibt es, doch in der Regel ist es nicht medienwirksam genug, um dargestellt zu werden.

Bei „nichtweißen“ Menschen hat es zur Folge, dass die Erfahrungen der subtilen, wie offensichtlichen Ausgrenzung, gepaart mit der negativen oder eingeengten, auf wenige Charakterzüge reduzierten Darstellung oder des völlig Unsichtbar-Seins in der medialen Öffentlichkeit, das Gefühl des „Nicht-dazu-Gehörens“ verstärken.

Beides führt nicht zu einer Begegnung auf Augenhöhe.

Was kann ich als Erzähler*in konkret tun?

Zunächst: Erst ein Blick in uns selbst und das Entdecken des eigenen, internalisierten Rassismus eröffnet Wege der Veränderung. Dazu gehört es, sich eigenen Vorurteilen zu stellen, aber auch mehr Wissen zu erlangen.

Dazu empfehle ich das Buch von Alice Hasters „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“, das im Hanserblau-Verlag erschienen ist, ebenso wie das mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels prämierte Werk von Carolin Emcke „Gegen den Hass“, das im Fischer-Verlag erschienen ist. Wer tiefer gehen möchte: Es gibt Antirassismus-Seminare für „Weiße“ von dem Verein Phönix e.V. .

 

Bei der Auswahl der Geschichten und der Abänderungen genau auf Rollen und Klischees achten. Wer ist der Held / die Heldin? Welchen Namen trägt er / sie? Welchen Beruf übt er/sie aus?

Protagonist*innen, genauso wie Nebenfiguren z.B. die Lehrerin, der Busfahrer, die Ingenieurin oder der Arzt könnten auch z.B. Emre, Karim, Fumito, Chioma, Muriel oder Melody heißen, nicht nur Anna, Max, Lena und Jonas. Es gibt sie, auch in Deutschland, die „schwarze“ Mathelehrerin, den „schwarzen“ erfolgreichen Ingenieur... Nur sind sie meist „unsichtbar“. Gebt Ihnen mal Haupt-, mal Nebenrollen, so dass ihr Dasein ganz normal - wie ja auch in der Realität ist.

 

Erzählt Geschichten, die Diversität im Alltag als Normalität zeigen!

Also keine Konfliktlösungs- oder Integrationsgeschichten, in denen „Nichtweißen“ einseitige Rollen als Konfliktauslöser oder als Menschen, die es zu integrieren gilt, zugeschrieben werden. Differenziert und zeigt Menschen als Individuen mit individuellen, nicht klischeebehafteten Interessen, auch wenn diese Interessen in Euren Augen positiv sind (z.B. Klischee: Musik- und Sportbegabung bei „Schwarzen“).

 

Bei Flyern, Werbefotos, Kamishibai-Bildern: Achtet darauf, dass sich alle angesprochen fühlen! Verwendet Bilder mit Menschen verschiedenen Geschlechts und Aussehens. Wenn nur „Weiße“ abgebildet werden und wenn „Nichtweiße“ höchstens exotisch (mit Trommel und Körperbemalung) in fernen Ländern dargestellt werden, dann wirkt das ausgrenzend, denn diese Bilder setzen sich fest - bei „Weißen“ und „Nichtweißen“.

 

Metaphern: Das Schwarz-Weiß-Denken ist wie dargelegt tief im Unterbewussten der Europäer verankert. Das geht soweit, dass Schwarz fast automatisch mit Unheimlichem oder Negativem verbunden wird (z.B. schwarz sehen) und weiß mit göttlich-rein assoziiert wird. Das fordert uns als Erzähler*innen zu einem ganz bewussten Umgang mit Sprache auf. Man kann auch von einem unheimlichen Wesen/Gnom/Geist sprechen ohne noch das Merkmal Schwarz hinzuzufügen. Andersherum kann ja auch eine gute Fee oder ein Weihnachtsengel eine dunkle Gestalt mit schwarzem, kurzen Haar sein, von der ein freundliches Licht ausstrahlt.

 

Kernaussage / Prämisse der Geschichte: Reflektiert die Kernaussagen! Es kursieren immer noch Geschichten mit der Moral: Wer sich nicht gut verhält, wird zur Strafe schwarz. Da wurde die Moral vom Struwwelpeter in die Jetztzeit übersetzt, was sie nicht weniger fragwürdig macht. Konkret gesehen bei der beliebten Kamishibai-Geschichte „Als die Raben noch bunt waren“.

 

Fazit: Eine Auseinandersetzung mit dem System des Rassismus sollte aus Angst vor Schuldfragen nicht gescheut werden, denn darum geht es nicht. Es geht um ein Verstehen des Systems und eine bewusste, reflektierte Veränderung.

 

Ein wertschätzendes Miteinander auf Augenhöhe wärmt alle Herzen!!

 

Enden möchte ich mit einem Zitat aus dem Buch „Gegen den Hass“ von Carolin Emcke:

„Zu den dissidenten Strategien gegen Exklusion und Hass gehört deswegen auch, Geschichten vom gelungenen, dissidenten Leben und Lieben zu erzählen, damit sich, jenseits all der Erzählungen vom Unglück und von der Missachtung, auch die Möglichkeit des Glücks als etwas festsetzt, das es für jeden und jede geben könnte, als eine Aussicht, auf die zu hoffen, jede und jeder in Anrecht hat“.

 Links:

Literatur:

  • Alice Hasters „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ Verlag Hanserblau
  • Carolin Emcke „Gegen den Hass“, Verlag Fischer

Ein Beitrag von Simone Oruche-Brand, Lieder- und Erzählkünstlerin www.saitenfeder.de