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Knüpfen und gärtnern

Eine Annäherung an die Erzählkunst, von Nazlı Çevik Azazi, Istambul

 

 

 

Eine gute Geschichte stellt Verbindung her. Wir verbinden uns durch Geschichten mit uns selbst, der Welt, der Gesellschaft und der Menschheit. Auf diese Weise verbinden wir uns mit dem Ganzen über unsere begrenzte Existenz hinaus. Dank dieser Verbindungen, die wir `geknüpft´ haben, erleben wir verschiedene Facetten des Lebens. Erfahrung, die wir durch die Geschichte gemacht haben, weitet uns, bringt uns dem `Ganzen näher´. Der Erzähler*in ist das Knüfende, das Bindeglied. Man könnte sagen, dass die Erzählkunst eine `Knüpfkunst´ ist.

 

 

 

Das Wort -Bindung-, wie wir es im türkischen verwenden, hat zwei verschiedene etymologische Wurzeln:

 

I der Akt des Anknüpfens, Verbindens, Knotens.

 

II Garten, Gemüsegarten.

 

In diesem Artikel versuche ich die mündliche Erzählkunst über beide Bedeutungen des Wortes zu verknüpfen. Beginnen wir also mit der ersten Bedeutung des Wortes -Bindung-:

 

 

 

Die erste Bedeutung, die aus den alten türkischen Wurzeln stammt, weist auf den Akt des Anknüpfens hin. Eine Bindung ist das verbindende Element zwischen zwei getrennten Teilen. Wir können über das Verbinden sprechen, wo es Trennung und Distanz gab. Welche Stücke verbindet der Erzähler, wenn er seine Geschichte erzählt? Diese Frage hat mehr als eine Antwort. Bevor ich zu den Antworten komme, möchte ich über das „Dreieck der Kunst des Geschichtenerzählens“ sprechen.

 

 

 

 

                     Erzähler/Erzählerin

 

 

 

 

                                                              Zuhörer/Innen

 

 

              Die Geschichte

 

 

 

 

 

 

 

Die Kunst des Geschichtenerzählens ist eine Kunstform, die im Dreieck von Erzähler, Geschichte und Zuhörer stattfindet. Die Kunst des Erzählens braucht diese Triade und dies sind die Grundelemente der Erzählkunst. Der Akt der Verknüpfung findet zwischen dem/der Erzähler/in, der Geschichte und dem Publikum statt. Ein Gründungswille ist erforderlich, um die Bindung herzustellen. Wer trägt diesen Willes? Wer solle die Verbindungen schaffen?

 

 

 

Der im Dreieck erwähnte Geschichtenerzähler soll die Verbindung mit sich selbst, der Geschichte und den Zuhörer erschaffen. Es ist also die Person des Erzählers selbst, der die Verbindung herstellt und sich nacheinander mit jedem der Elemente verbindet.

 

 

 

Wie verbindet sich der Erzähler mit sich selbst? Er/sie tut dies, indem es einen starken Verbindung mit seinen Körper aufbaut, das Körperbewusstsein entwickelt und seine eigene Bindung zu seinen Emotionen und Gedanken stärkt. Geschichten sind wie Museen, in denen menschliche Zustände ausgestellt sind. Der Erzähler selbst kennt diese Situationen. Er muss an seiner eigenen Existenz arbeiten, um seine Bindung zu der Geschichte, die er erzählen möchte, zu stärken. Der/Die Erzähler/in, der die menschlichen Zustände, die die Geschichte erzählt, aus seiner eigenen Existenzwelt (Erleben) kennt, beginnt sich ebenfalls mit der Geschichte zu verbinden. Wenn der/die Erzähler/in, dessen/deren Geschichte und seine Bindung zu sich selbst gestärkt werden, sein Publikum konfrontiert, wird er an sein Publikum gebunden. Geschichten sind magische Verbindungen, die den Erzähler mit sich selbst, mit menschlichen Wahrheiten und mit seinem Publikum verbinden. Den unsichtbaren goldenen Bindefaden stärken das Gefühl des Zusammenhalts.

 

 

 

Wie hat sich die Pandemie, die unsere Wirtschaft verändert hat, auf die Verbindungen ausgewirkt, die wir beim Erzählen herstellen? In der Türkei wurde am 13. März 2020 offiziell eine Pandemie ausgerufen und Maßnahmen ergriffen. Alle unsere Erzählprogramme, die wir in unseren Agenden notiert haben, wurden abgesagt. Ohne Pandemie würden wir in Schulen für die Kinder, in Unternehmen für die Erwachsene, auf Bühnen für die Geschichtenliebhaber, in Pflegeheimen für älteren Menschen und allen auf Festivals Geschichten erzählen. Dies war aber nicht mehr möglich. Als die Programme abgesagt wurden, wurde uns die Gelegenheit genommen, unser Publikum von Angesicht zu Angesicht zu treffen, Bindungen herzustellen.

 

 

 

Wenn wir auch zukünftig nicht auf unser Publikum treffen könnten, wie würden wir von nun an unsere Geschichten erzählen? Die Möglichkeiten der Technologie kamen uns in kürzester Zeit zu Hilfe. Wir könnten auf Social-Media-Konten und auf verschiedenen Online-Plattformen zusammenkommen. Ich habe mich dieser Idee zunächst widersetzt. Was ist der Sinn zu erzählen, wenn ich nicht denselben physischen Raum mit meinem Publikum teile, wenn ich nicht in denselben Raum ein- und ausatmen kann, wenn ich nicht in ihre Augen schauen und lebendige Verbindungen herstellen kann? Während ich und meine Kollegen sich mit diesen Fragen auseinandersetzten, erhielten wir von einer Gemeinde das Angebot, an jedem Wochentag drei Monate lang auf deren Instagram-Konto Geschichten zu erzählen. Am Anfang war ich sehr zögerlich. "Wir sind uns nicht sicher, aber lass es uns versuchen, warum nicht?" sagte ich. Wir haben es versucht. Gut, dass wir es versucht haben. Die obengenannten Verbindungen konnten auch auf online Plattformen hergestellt. Wir haben das erlebt. Wie ist es passiert?

 

 

 

Wo immer ich es erzähle, wenn ich eine starke Verbindung zu mir und meiner Geschichte habe, werde ich wahrscheinlich starke Bindungen zu meinem Publikum eingehen. Wenn ich mein Publikum, das hinter Handys oder Computers ist, nicht wirklich sehe, wie kann ich diese Verbindungen herstellen? Es war also gut für mich, mir vorzustellen, wie alle Augen meines Publikums auf meine Computerkamera gerichtet waren. Wie viele Augen passen in eine Kamera? Alle meine Zuhörer versammelten sich, richteten ihre Augen auf die Kamera und hörten mir zu. Ich konnte sie auf einige Plattformen nicht sehen. Wenn ich darüber nachdachte und mir das vorstellte, fühlte ich mich in Online-Erzählungen so wohl, dass ich nach einer Weile anfing, es als Spiel zu betrachten. In der Lage zu sein, mir die Augen des Publikums vorzustellen, die sich vor der Kamera versammelten, und mir zuhören möchten, zu glauben, machte mich so entspannt, dass ich anfing, Online-Erzählungen zu genießen.

 

 

 

An den Orten, an denen wir uns von Angesicht zu Angesicht treffen, werden wir viel von den Augen und dem Blick des Publikums, das uns ansieht, die Kraft bekommen. Es könnte sein, dass unsere Verbundenheit mit der Geschichte und uns selbst in dem erzählten Moment nicht sehr stark wäre, so würde uns die Präsenz und der Blick des Zuhörers tragen. In der Online-Erzählung wird uns diese Möglichkeit genommen und der/die Erzähler/in wird gebeten, eine starke Bindung zu sich selbst und seiner Geschichte herzustellen. Darüber hinaus soll die Vorstellungskraft stark sein, damit der/die Erzähler/ Erzählerin sich die Augen und die Existenz des Publikums vorzustellen kann.

 

 

 

So können wir die Online-Erzählmöglichkeiten, die Pandemie uns eröffnet hat, als Segen sehen und unsere Bindung zu UNS SELBST und unseren Geschichten stärken und unsere Vorstellungskraft stärken. So können wir die Bindfäden wieder fest stricken.

 

 

 

Die zweite Bedeutung des Wortes ist `Garten oder Gemüsegarten´. Was für eine schöne Metapher für die Erzählung. Im diesem symbolischen Ausdruck ist jeder Geschichte richtet Geschichtenerzähler ihre eigenen Gärten ein und hat die Möglichkeit, ihr Publikum in diesem, üppigen Garten herumzuführen. Wir müssen unsere Bindungen stärken, um unseren inneren Garten und den Geschichtengarten zu pflegen und unseren Garten schön zu machen. Wenn wir Zeit mit Gartenarbeit verbringen, wird auch unsere Bindung zu uns selbst und unserer Geschichte und indirekt zu unserem Publikum stärker.